Hier finden Sie Interviews mit Persönlichkeiten der regionalen und überregionalen Integrationsarbeit, die in unregelmäßigen Abständen durchgeführt werden.

Interview mit Zeki Özdemir, 1. Vorsitzenden der Gesellschaft für Türkischsprachige Psychotherapie und Psychosoziale Beratung e.V.

Zeki Özdemir

Über Zeki Özdemir

Geboren 1971 in Ankara als Sohn eines türkischen Lehrerehepaares. Seit 1973 in Deutschland. Aufgewachsen in Hamm (Westf.). Studium der Psychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Berufliche Stationen an den Segeberger Kliniken und dem Universitätsklinikum Essen.

Interview

1. Seit wann arbeiten Sie als Psychologe? Wo sind Sie erreichbar?

Ich arbeite seit 14 Jahren als Psychologe bzw. Psychotherapeut. Nach Tätigkeiten in Kliniken bin ich seit dem Jahr 2000 als Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis niedergelassen. Von 2000 bis 2008 war meine Praxis in Ahlen. Die Mehrheit meiner überwiegend türkeistämmigen Patientenschaft kam aber immer schon aus Hamm. Daher bin ich seit 2008 mit meiner Praxis in Hamm.

2. Wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation der MigrantInnen in Deutschland ein? Was bedeutet für Sie – ganz allgemein – soziale Integration von Menschen mit Migrationshintergrund?

Die Situation der MigrantInnen in Deutschland ist natürlich nicht besonders rosig. Die Mordserie der rechtsextremen Zwickauer Terrorgruppe weckt bei meinen PatientInnen Erinnerungen an die Solinger Brandanschläge und andere fremdenfeindliche, rassistische Anschläge, die in Deutschland phasenweise leider immer wieder vorgekommen sind. Viele fühlen sich in diesem Land abgelehnt, diskriminiert und bedroht. Wissenschaftliche Untersuchungen über den Arbeits-, Wohnungs- und Bildungsmarkt bestätigen leider, dass Gesellschaft, Schulen und Institutionen in Deutschland bei der Integration von Migranten versagen oder zumindest nicht annähernd so erfolgreich sind wie andere Länder, insbesondere klassische Einwanderungsländer. Durch das Machwerk von Sarrazin wurde dieses Versagen dann auch noch einseitig den am stärksten diskriminierten MigrantInnen, nämlich denen mit islamischem Hintergrund, in die Schuhe geschoben, was von vielen natürlich als besonderer Hohn empfunden wurde.

Ich habe jedenfalls in 14 Jahren Tätigkeit als Psychotherapeut nicht einen einzigen türkeistämmigen Migranten getroffen, der nicht den Wunsch gehabt hätte, mit seinen Kindern ein erfolgreiches Leben in Deutschland zu führen. Wer will schon, dass seine Kinder keinen Erfolg haben? Aber dass Migrantenkinder beispielweise schon im Grundschulalter viel häufiger als deutschstämmige Kinder in ein Sonderschulverfahren kommen, ist mittlerweile auch wissenschaftlich belegt. Natürlich sind die nicht alle einfach von Geburt an weniger intelligent, wie es Sarrazin insinuierte. Da das von ihnen gesprochene Deutsch nicht ihre Muttersprache ist und im Kindergarten auch nicht auf ein angemessenes Niveau angehoben wird, werden sie in der Grundschulzeit häufig einfach auf die Sonderschule abgeschoben. So bleiben viele eigentlich begabte Migrantenkinder auf der Strecke, so wie dies auch nach wie vor für viele deutschstämmige Kinder unterprivilegierter Familien gilt. In kaum einem anderen westlichen Land werden Bildungsprivilegien so deutlich vererbt wie in Deutschland.

Mir wird in der Praxis von MigrantInnen jedenfalls glaubhaft immer wieder und in vielen Variationen von Diskriminierungen in den Bildungseinrichtungen und bei der Arbeits- oder Wohnungssuche berichtet. Das kann ja nicht alles erfunden sein. Ganz allgemein bedeutet für mich die soziale Integration von MigrantInnen, dass diese gerechte Chancen auf Arbeit, Bildung und andere soziale Güter erhalten. Ich habe nicht den Eindruck, dass dies derzeit der Fall ist. Daher bedürfen MigrantInnen meiner Meinung nach bis auf Weiteres einer Förderung, um ihre gesellschaftlichen Handicaps auszugleichen und Chancengerechtigkeit herzustellen.

3. Bis heute leben über drei Millionen Türken einschließlich ihrer Familienangehörigen in Deutschland. Welche Integrationsprobleme haben diese im Einzelnen? Wie gestaltet sich überhaupt die Integration von Türkinnen und Türken in der Bundesrepublik?

Ich kann nur wiederholen, dass ich das eigentliche Problem darin sehe, dass viele türkeistämmige MigrantInnen in vielen Bereichen von der sozialen Teilhabe ausgeschlossen werden oder sich häufig vor Hürden sehen, die die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft nicht mal kennen.  

Meine Vorstellung von Integration ist ohnehin nicht die, dass eine Minderheit so werden sollte wie die Mehrheit, so dass sie am Ende praktisch unsichtbar ist. Das wäre Assimilation. Das kann manchmal nicht funktionieren, wie man beispielsweise bei den Schwarzen in Amerika sieht, die ja schon wegen ihrer Hautfarbe immer als anders zu identifizieren sind und sich daher niemals vollständig assimilieren können. Gelungen ist Integration nicht, wenn eine Minderheit nicht mehr anders ist, sondern wenn sie als Teil der Gesellschaft akzeptiert wird, obwohl sie weiterhin anders als die Mehrheitsgesellschaft ist. Also akzeptierte Vielfalt statt Monokultur.

Aber dieses Verständnis einer einschließenden, Andersartigkeit akzeptierenden Integrationspolitik hat sich in Deutschland leider noch nicht durchsetzen können. Vielmehr wird immer wieder von Leitkulturen gesprochen. Erste vorläufige politische Ansätze des Multikulturalismus sind von der aktuellen Kanzlerin ja als „gescheitert“ erklärt worden und damit vorerst wohl tatsächlich erledigt. Sie knüpft damit leider an die Missachtung des Themas Integration in der Ära Kohl an. Dieser hatte ja jahrzehntelang verleugnet, was jedes Kind auf der Straße sehen konnte: dass Deutschland ein Einwanderungsland war und dringend einer durchdachten Integrationspolitik bedurfte.

4. Migranten erleben psychische Leiden oft anders als Einheimische. Gehen Migranten mit psychischen Störungen anders um als Ihre deutschen Patienten? Spielt ihre teilweise ungünstigeren Chancen, z.B. schlechtere Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt, Ausgrenzung, Sehnsucht nach der Heimat dabei eine Rolle?

Natürlich haben es Migranten mit ihren Ausgrenzungs-, Anpassungs- und Verlusterlebnissen schwerer im Leben als Einheimische und weisen daher häufigere und schwerere psychische Leiden auf. Seine Heimat zu verlassen und sich in einem fremden Land zurechtzufinden, in dem man sich nicht gerade besonders willkommen fühlt und auf alle möglichen sichtbaren und unsichtbaren Hürden trifft, ist eben nicht einfach. Auch gibt es natürlich manche kulturelle Besonderheiten, die krankheitsfördernd sind. Ich denke da z.B. an besondere kulturelle Belastungen, denen türkisch- oder kurdischstämmige Frauen ausgesetzt sind und die sich bei diesen in einer vierfach erhöhten Selbstmordrate im Vergleich zu deutschstämmigen Frauen ausdrücken. Leider suchen MigrantInnen auch erst deutlich später psychotherapeutische Hilfe auf als deutschstämmige Patienten und weisen daher häufig chronifiziertere Störungen auf. 

Dies liegt nur noch wenig an einer Skepsis gegenüber Psychotherapie, denn auch unter den türkeistämmigen MigrantInnen hat sich – häufig vermittelt durch türkische Medien – mittlerweile herumgesprochen, dass man sich bei psychischen Problemen professionell helfen lassen kann. Allerdings gibt es in Deutschland viel zu wenige Therapeuten mit Migrationsgeschichte. In Deutschland sind die Wartezeiten für Psychotherapie ohnehin schon extrem lang. Aber für Migrantinnen, die sich auf türkischsprachige Psychotherapie angewiesen sehen, sind diese nur noch als skandalös zu bezeichnen. Die Patienten gehen aber viel eher zu einem Therapeuten, der ihnen sprachlich und kulturell ähnlich ist. Sogar in den USA gehen beispielsweise heute noch farbige PatientInnen viel eher zu farbigen Therapeuten, weil sie sich von diesen besser verstanden fühlen. Ob das wirklich so ist, sei dahingestellt, aber die Patienten fragen dies in einer psychischen Notsituation eben so nach.

Ich bin Vorsitzender der Gesellschaft für Türkischsprachige Psychotherapie und Psychosoziale Beratung e.V. und vertrete damit einen Großteil aller türkischsprachigen Psychotherapeuten und psychosozialen Berater in Deutschland. Wir haben uns darum bemüht, dass im Zuge des neuen Versorgungsstrukturgesetzes im Gesundheitswesen die Möglichkeit eingerichtet werden sollte, dass Psychotherapeuten mit türkischen Sprachkenntnissen in Bezirken mit hohem türkischen Migrantenanteil die Möglichkeit von Sonderbedarfszulassungen erhalten sollten. Das hätte nur einige wenige zusätzliche Praxen bedeutet, wäre aber eine enorme Entlastung für die Patienten, aber auch für unsere deutschstämmigen TherapeutenkollegInnen gewesen, die sich mit türkeistämmigen Patienten häufig überfordert sehen. Außerdem hätte es Kosten gespart, weil unbehandelte, chronifizierte psychische Störungen enorme soziale Folgekosten, wie Arbeitsausfall oder Erwerbsunfähigkeit erzeugen. Ich bin also extra nach Berlin gefahren, habe mit dem Präsidenten der Bundespsychotherapeutenkammer gesprochen und wir haben einen gemeinsamen kleinen Passus als Gesetzesänderungsvorschlag eingebracht. Unterstützung bekamen wir aber leider nur von der Opposition.

5. Man spricht in Familien mit Migrationsgeschichte eine Erkrankung – auch psychischer Art – innerhalb der Familie offener an. Teilen Sie diese Meinung?

Also ich erlebe hierin eigentlich keinen Unterschied zwischen meinen PatientInnen mit oder ohne Migrationsgeschichte. Persönliche Angelegenheiten werden ja meistens eher innerhalb der Familie angesprochen. Kaum jemand geht mit seinen Erkrankungen gerne hausieren, gerade wenn diese psychischer Art sind…

6. Welche Rolle spielt die Verwandtschaft und das andere soziale Umfeld?

Wie schon gesagt sind in Deutschland soziale Chancen leider sehr stark vom Herkunftsmillieu abhängig. Dafür können die MigrantInnen erstmal nichts, das ist eben so. Ich erlebe aber auch häufig, dass türkeistämmige PatientInnen in psychischen Notsituationen nicht immer eine geeignete Unterstützung durch ihre Verwandtschaft erhalten. Menschen greifen bei Not und Stress meistens auf ihre – kulturell geprägten – Routinen und Gewohnheiten zurück, die ihnen in solchen Situationen Halt geben. Solche aus der Herkunftskultur stammenden Traditionen können für Problemsituationen in Deutschland jedoch manchmal nicht hilfreich sein. Ein etwas klischeehaftes Beispiel wäre, dass türkeistämmige Familien bei Entwicklungsproblemen ihrer Kinder, vielleicht insbesondere ihrer Töchter, häufig eine besonders rigide kulturelle und religiöse Haltung einnehmen, die das Problem jedoch eher verschärft als zu seiner Lösung beizutragen. Ich als Psychotherapeut würde mir wünschen, dass Migrantenfamilien bei Problemen ihrer Familienmitglieder eine progressivere, mehr an den Realitäten in Deutschland orientierte Haltung einnehmen.

7. Unterscheiden sich psychische Krankheiten in den Kulturen?

Oh ja, es gibt sogar psychische Krankheiten, die nur in bestimmten Kulturräumen auftreten! Die Interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie beschäftigt sich mit diesen Fragen. Für türkeistämmige PatientInnen lässt sich sagen, dass sie ihre psychischen Beschwerden im Vergleich eher verkörperlicht erleben und beschreiben. Was z.B. recht häufig vorkommt ist, dass türkeistämmige PatientInnen lange von körperlichen Beschwerden wie Schmerzen, Müdigkeit, Schwindel usw. berichten und erst auf Nachfrage erwähnen, dass sie auch häufig weinen, missgestimmt sind oder Ängste haben. Man muss die psychischen Probleme bei türkeistämmigen Patienten also häufig erst einmal zur Sprache bringen, im doppelten Sinne. Die Migrationsgeschichte ist bei fast allen meiner türkeistämmigen PatientInnen auf die eine oder andere Art Thema in der Psychotherapie. Ein solches Problemfeld taucht bei deutschstämmigen PatientInnen natürlich nicht auf.

8. Sie sind ein Vorbild und gehören der erfolgreichen zweiten Generation an. Welchen Appell haben Sie an Migrantenjugendliche?

Für mich als Akademiker ist klar, dass es im Leben immer wieder Hürden gibt, die man meistern muss. Ein Studium ist ja nichts anderes als eine Art Hürdenlauf, bestehend aus den Prüfungen. Aber wenn man durchhält, kommt man am Ende ans Ziel. Mein Appell an jugendliche Migranten ist daher, sich hohe Ziele zu setzen, an sich zu glauben und nicht aufzugeben, auch wenn manchmal unüberwindbar erscheinende Hürden auftreten.

9. Welche Aufgaben haben Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund aus Ihrer Sicht in Bezug auf die Integration?

Also bei den meisten meiner türkeistämmigen PatientInnen aus der zweiten Generation wäre ich schon froh, wenn die Eltern mit ihren eigenen Problemen besser klar kämen und ihre Kinder einfach interessiert, wohlwollend und offen für ihre Besonderheiten und ihre Einzigartigkeit begleiten würden. Schließlich dienen Eltern als Modell für ihre Kinder. Viel wichtiger als all das, was sie ihren Kindern sagen, ist das, was sie ihren Kindern vorleben.

Dass man sich auch höhere Erziehungsstandards wünscht, mehr Bücher und Lesekultur im Elternhaus, weniger Fernsehen und Elektrospiele, mehr Sport und kulturelle Förderung, ist ja klar. Das wünscht man sich ja für alle.

Am vielleicht wichtigsten aber finde ich, dass Eltern bei Problemen ihrer Kinder diese Probleme nicht dadurch verschlimmern, dass sie unpassende und unzeitgemäße Traditionen aus ihrer Herkunftskultur durchzusetzen versuchen. Das Absurde ist ja, dass viele dieser Traditionen häufig schon in der Herkunftskultur längst nicht mehr gelten und hier in der Migration nur konserviert worden sind. Die Eltern sollten sich bemühen, eine zeitgemäße und dem Wohl ihrer Kinder dienende Haltung zu finden, auch wenn sie dabei manchmal über ihren eigenen Schatten springen müssen.

10. Wie sieht Ihrer Einschätzung nach die Zukunft der MigrantInnen in Deutschland aus?

Deutschland ist aus demografischen Gründen auf MigrantInnen angewiesen. Die deutsche Gesellschaft hat eigentlich keine andere Wahl, als eine Willkommenskultur zu entwickeln und seine MigrantInnen zu integrieren. Ich schätze, dass es nur eine Frage der Zeit ist, dass Menschen mit Migrationsgeschichte ein natürlicher und allgemein akzeptierter Teil der Gesellschaft werden.

Vielen Dank! 

(Interview: Mehmet Tanli, Januar 2012)