Interview mit Bürgermeister Benedikt Ruhmöller

Hat sich aus Ihrer Sicht die Integrationspolitik von Bund und Ländern in den letzten Jahren verändert? Wie würden Sie diese Veränderungen beurteilen?
In den letzten Jahren haben alle politischen Ebenen in Deutschland erkannt, dass die Integration der Menschen mit Migrationshintergrund eine zentrale politische Heraus-forderung darstellt. Inzwischen gibt es hochrangige Integrationskonferenzen und meh-rere Integrationsminister, und alle maßgeblichen politischen Parteien stellen sich auch in ihren Programmen der Integrationsaufgabe.
Als Bürgermeister von Ahlen kann ich diese Entwicklung nur begrüßen. Denn hier ist ja besonders deutlich, wie notwendig eine erfolgreiche gesellschaftliche und wirt-schaftliche Integration der zugewanderten Menschen ist. Ich hoffe sehr, dass Bund und Länder die kommunalen Integrationsanstrengungen auch nachhaltig finanziell unterstützen, denn darauf sind wir angewiesen.

 

Was bedeutet für Sie – ganz allgemein – soziale Integration der Migrantinnen und Migranten?
Für mich ist ein Mensch sozial integriert, wenn er sich in seinem Umfeld wohlfühlt, dar-in akzeptiert wird und sich selbständig entfalten kann – dieses besonders auch in be-ruflicher Hinsicht. Dagegen erfordert soziale Integration keinesfalls, dass irgendje-mand seine Kultur aufgibt oder sich die verschiedenen Kulturen angleichen. Erforder-lich sind allerdings auf jeden Fall die gegenseitige Sprachfähigkeit und das Verständ-nis füreinander.


Was muss aus Ihrer Sicht geschehen, um die Integration von und für Migrantinnen und Migranten zu erleichtern? Welche Schwerpunkte würden Sie setzen?
Auf der einen Seite ist es von zentraler Bedeutung, die Migrantinnen und Migranten schon von frühauf sprachfähig zu machen, das heißt ihnen die Kompetenz in der deutschen Sprache zu vermitteln. Auch darüber hinaus müssen sie für das Berufsle-ben fit gemacht werden. Auf der anderen Seite muss sich unsere ganze Gesellschaft für unterschiedliche Kulturen interessieren und vor allem die Angst und Ressentiments davor ablegen.


Welche Aufgaben haben Schulen aus Ihrer Sicht in Bezug auf die Integration von jun-gen Migrantinnen und Migranten?
Alle Erziehungs- und Bildungseinrichtungen – die Schulen, aber auch die Kinderta-gesstätten – nehmen eine Schlüsselfunktion für die gesellschaftliche und berufliche Integration ein. Sie müssen selbstverständlich die jungen Leute in jedweder Hinsicht bilden und schulen. Darüber hinaus sollten sie versuchen, die Familien zu erreichen und deren Interesse für Bildung zu schüren. Dieses erfordert allerdings auch eine ent-sprechende Ausstattung der Schulen, worum sich die Stadt Ahlen zurzeit mit großem Nachdruck bemüht, etwa in den neuen Ganztagsschulen Gymnasium und Realschule.


Welche Aufgaben haben die Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund aus Ihrer Sicht in Bezug auf die Integration?
Die Eltern sind natürlich als Erste gefordert, ihre Kinder auf das Leben in unserer Ge-sellschaft vorzubereiten. Dazu müssen sie sich zunächst selbst bewusst und aktiv um ihre eigene Integration bemühen. Sie müssen dann ihre Kinder immer wieder dazu anspornen, sich in unserer deutschen Sprach- und Berufswelt einzugliedern.


Viele Studien haben gezeigt, dass die Migrantenkinder zu den am stärksten benachteiligten Gruppen im deutschen Bildungssystem gehören. Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptursachen dafür?
Viel zu lange haben wir die Integration nicht als zentrale Herausforderung unserer Ge-sellschaft verstanden. Wir haben die Migrantinnen und Migranten nicht genügend ge-fördert und gefordert, wir haben auch unser Bildungssystem nicht genügend für die Integrationsaufgabe ausgestattet. Diese Versäumnisse aufzuholen – auch im Ver-gleich zu anderen europäischen Ländern – erfordert nun eine gewaltige Kraftanstren-gung.


Wie beurteilen Sie die Arbeitsmarktsituation für Migrantinnen und Migranten?
Es gilt die einfache Formel: Je besser man qualifiziert ist, umso größer sind die Chan-cen auf dem Arbeitsmarkt. Dieses bedeutet im Umkehrschluss: Weil viele Migranten-kinder in unserem Bildungssystem (noch) nicht richtig mitkommen und schlechtere Abschlüsse machen, mangelt es ihnen auch an Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die-ses wird sich allmählich verändern, weil aus demografischen Gründen das Angebot an Arbeitskräften nachlässt und gleichzeitig – hoffentlich – die Bemühungen um bessere Bildung greifen.


Wie beurteilen Sie die politischen Partizipationsmöglichkeiten für und von Migrantinnen und Migranten?
Wenn eine zugewanderte Person die deutsche Staatsbürgerschaft erworben hat (was schon bei vielen der Fall ist), hat sie dieselben Rechte wie alle Bürgerinnen und Bür-ger, auch was die Beteiligung an politischen Entscheidungen anbelangt. Deshalb plä-diere ich sehr dafür, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben und damit einen entscheidenden Schritt für die eigene Integration zu leisten. Ansonsten besteht im-merhin die Möglichkeit, den Integrationsrat mit zu wählen oder auch in informeller Weise – etwa durch Gespräche oder Leserbriefe – Einfluss auszuüben. Insofern bietet unsere Gesellschaft vielfältige Möglichkeiten.


Wie wird in Ihren Augen die Zukunft in Deutschland in zehn Jahren aussehen?
Das lässt sich auf die kurze Formel bringen: „weniger, älter, bunter“. Mit anderen Wor-ten: Die Migrantinnen und Migranten werden noch stärker als bisher das Bild unserer Städte prägen. Dieses wird besonders auch auf Ahlen zutreffen. Wir werden dankbar dafür sein, dass sie nach entsprechender beruflicher Qualifizierung viele Aufgaben übernehmen werden, für die keine „Ursprungsdeutschen“ mehr zur Verfügung stehen werden.