Interview mit Annegret Kost-Ateşer, stellvertretende Geschäftsführerin der AWO Unterbezirk Hamm-Warendorf

Annegret Kost-Ateşer

Interview mit Annegret Kost-Ateser  

Kurzbeschreibung der AWO  Unterbezirk Hamm-Warendorf

Die Arbeiterwohlfahrt Unterbezirk Hamm-Warendorf bietet eine breite Palette von Dienstleistungen an, z. B. als Träger von Kindertageseinrichtungen, Sozialen Diensten, ambulanter Pflege, Beratungsdiensten, Hilfen zur Erziehung, Angeboten aus dem Bereich der außerschulischen beruflichen Bildung und Jugendberufshilfe und vieles mehr. Bei der Arbeiterwohlfahrt sind  zur Zeit ca. 450 MitarbeiterInnen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Hier handelt es überwiegend um MitarbeiterInnen mit pädagogischen und pflegerischen Qualifikationen. Ca. 20% dieser MitarbeiterInnen haben eine Zuwanderungsgeschichte.

Die Arbeiterwohlfahrt bietet im Bereich Integration die Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE) an, ist beteiligt am Landesprogramm Integrationsagenturen, führt Integrationssprachkurse durch, in Erweiterung hierzu auch Kurse zur berufsbezogenen Sprachförderung, niedrigschwellige Integrationsangebote für insbesondere Frauen, Mädchen, Familien und Väter, darüber hinaus stellt die Arbeiterwohlfahrt insbesondere Bildungs- und Lernangebote für Eltern zur Verfügung u.v.m.. 

Interview

1. Die Arbeiterwohlfahrt ist ein bundesweit tätiger Verband der Freien Wohlfahrtspflege, gegründet bereits im Jahr 1919. Die AWO betreute auch in Ahlen von Anfang an sogenannte Gastarbeiter, vor Ort vor allem auch türkisch Stämmige. Die AWO hat also eine langjährige Erfahrung mit der Migrantenarbeit.  Was bedeutet für Sie – ganz allgemein – soziale Integration der Migrantinnen und Migranten? Wo steht die AWO mit der Migrantenarbeit?  Was ist spezifisch an der Arbeit mit MigrantInnen?

1.1. Soziale Integration bedeutet, dass Menschen mit Zuwanderungsgeschichte nicht nur über das Merkmal der Zuwanderung, des Fremden, des Andersseins wahrgenommen werden und sich selbst auch nicht mehr als „anders“ von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen, sondern in einem gemeinsam geschaffenen gesellschaftlichen Klima leben , dass das Anderssein positiv und wertschätzend integriert und als Bereicherung begreift.

Um ein solches Klima herstellen zu können, ist die wertschätzende und von Respekt geprägte Auseinandersetzung über Trennendes und Gemeinsames gleichermaßen wichtig, denn letztendlich ist das Gemeinsame die Plattform für eine friedliche gemeinsame Zukunft in diesem Land.

1.2. Wo steht die Awo in der Integrationsarbeit?

Diese Frage muss man natürlich im Zusammenhang unserer Arbeit der letzten 38 Jahre beantworten. Seit 1973 ist die Arbeiterwohlfahrt im Kreis Warendorf im Bereich der Integrationsarbeit tätig. In diesen 38 Jahren hat sich dieses Arbeitsfeld kontinuierlich verändert und weiterentwickelt, wie aber auch die Politik sich in diesem Kontext weiter entwickelt hat, wenn auch etwas langsam.

Viele der Forderungen aus den 80iger und 90iger Jahren, wie z.B. die konsequente Bereitstellung von Deutschförderung für Neuzugewanderte oder die Anerkennung der Bundesrepublik Deutschland als Einwanderungsland oder aber die Erleichterung der Einbürgerung bzw. die Staatsangehörigkeit per Geburt in Verbindung mit der Wahl der Staatsangehörigkeit bei Volljährigkeit und vieles mehr sind umgesetzt. Vieles ist aber auch noch nicht umgesetzt und noch viel mehr stellen wir nun fest, was diese Gesellschaft versäumt hat und also nachholen muss.

Die Bedingungen sind im Vergleich zur Vergangenheit günstig, denn inzwischen gibt es einen politischen Willen in Sachen Integration, es gibt ein breites Interesse auf allen politischen Ebenen an den Fragen der Integration und wenn die Arbeiterwohlfahrt in der Vergangenheit mit ihren Vorschlägen zur interkulturellen Öffnung oder ihren Hinweisen zu Diskriminierungssachverhalten oder Förderbedarfen eher auf Zurückhaltung stieß, so kann man heute ein breites Interesse an der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung zu diesen Fragen feststellen und das ist richtig gut.

Als Arbeiterwohlfahrt freuen wir uns darüber, denn diesen breiten politischen Willen in Sachen Integration braucht diese Gesellschaft, wenn sie in Europa zukunftsfähig sein will. Wir sind optimistisch, was die weiteren Entwicklungen angeht und hoffen natürlich, dass es jetzt schneller gehen wird. Unser Verständnis zu sozialer Integration ist eigentlich schon immer so gewesen wie oben beschrieben, unsere Handlungsstrategien haben sich allerdings verändert. In der Vergangenheit haben wir versucht, der Aufgabe der sozialen Arbeit mit und für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in einem vollständigen Sinne gerecht zu werden. Das war überwiegend darin begründet, dass wir lange Zeit einzige Beratungsinstanz waren für Menschen mit muslimischem Hintergrund, damit sind überwiegend Menschen aus der Türkei gemeint.

Die Arbeiterwohlfahrt verfügte etwa zwei Jahrzehnte als einziger Träger im Bereich Beratung über türkischsprachige MitarbeiterInnnen. Damit waren wir immer mit allen Situationen, die die Migrationssituation für Menschen mit sich bringt, konfrontiert. Es handelte sich hier immer um eine Vielzahl rechtlicher Fragestellungen, die sich für Menschen, die nicht Deutsche sind naturgemäß auftun. Darüber hinaus aber wurden uns von unseren Kunden auch immer persönliche Probleme, sei es in der Familie, mit Kindern, mit Ehepartnern, mit Nachbarn, mit Vorgesetzten, mit Schule und Kindergarten, im Krankenhaus, beim Arzt, mit Diskriminierungserfahrungen usw. herangetragen.

Vor dem Hintergrund dieser Kenntnis haben wir neben unseren Beratungsangeboten auch immer zusätzliche Angebote bereit gestellt, z.B. im Bereich niedrigschwelliger Deutschförderung für Frauen, wir haben Seniorengruppen eingerichtet in den 90igern, wir haben uns im Rahmen von ESF-Maßnahmen um die Förderung der beruflichen Integration stark gemacht, wir haben 1984 auf dem Sparkassenparkplatz in der Innenstadt das erste interkulturelle Frühlingsfest in dieser Stadt überhaupt ausgerichtet, wir haben kulturelle Veranstaltungen insbesondere in den 80igern und frühen 90igern mit türkischen Künstlern durchgeführt. Wir haben uns in den 80igern  für das kommunale Wahlrecht engagiert und vieles mehr.

Daneben haben wir unter Berücksichtigung der Bedarfe unserer KlientInnen aber auch Beratungsschwerpunkte entwickelt so z.B. im Rahmen von Trennungs- und Scheidungssituationen, Anerkennung von Berufsabschlüssen, Zugänge für MigrantInnen zu Weiterbildung und Nachqualifizierung, Fragen des Familiennachzuges, die besonderen Probleme des Alterns in Migration und vieles mehr. Die Systeme der Beratung und Begleitung wurden kontinuierlich weiterentwickelt, den Bedarfen angepasst und natürlich auf sich immer wieder verändernde Förderbedingungen hin modifiziert.

Aber die wichtigste Veränderung ist, dass es immer mehr Partner gibt, die sich der Fragen der Integration annehmen und wir in diesem Arbeitsfeld nicht mehr alleine sind. Ein wichtiger Beitrag hier war insbesondere die Gründung des Stadtteilbüros, das sich seit 1996 immer mit den Fragestellungen der Integration beschäftigt hat. Durch die Festschreibungen der Kommune im kommunalen Integrationskonzept seit 2006 wird das Prinzip der Aufgabenteilung immer wirkungsvoller, so dass die Angebote für und mit Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Ahlen weiterentwickelt werden können. Dies ist eine Entwicklung, die wir sehr begrüßen, denn es gibt auch viel zu tun!

Auf der Grundlage der im Integrationskonzept der Stadt Ahlen formulierten Handlungsfelder (an deren Entwicklung wir mit vielen Anderen mitgewirkt haben) bieten wir weiterhin Deutschförderangebote sowohl niedrigschwellig im Sinne einer Heranführung wie auch strukturiert im Rahmen von Integrationssprachkursen insbesondere für Frauen an.

Wir sind außerdem im Kreis Warendorf im Auftrag des BAMF Träger zur Durchführung berufsbezogener Sprachförderung für MigrantInnen. Die Bereitstellung von Angeboten zur Integration in Arbeit und Ausbildung waren und sind uns immer ein besonderes Anliegen, weil wir der Auffassung sind, dass die Beteiligung an Erwerbstätigkeit der wichtigste Integrationsfaktor überhaupt ist. Warum wir das so sehen? Immer wenn Menschen gemeinsame Ziele haben, begegnen Sie einander und sind bereit sich kennenzulernen, am Arbeitsplatz geschieht dies automatisch durch die Vorgabe des gemeinsamen Arbeitsergebnisses. Oder anders formuliert, nirgendwo findet die Begegnung unterschiedlichster Menschen so organisch und natürlich statt wie am Arbeitsplatz.

Weiterhin bieten wir , und dies seit mehr als 25 Jahren, regelmäßig Informations- und Bildungsangebote zu den Dienstleistungsstrukturen öffentlicher Verwaltung, zu Fragen im Themenbereich Gesundheit, Krankheit, Alter, Rente und vieles mehr an. Im Treff- und Informationsort für Frauen, Mädchen und Familien im Glückaufheim finden regelmäßig Angebote für diese Zielgruppen statt, hier handelt es sich im übrigen um die Fortführung der Arbeit des 1996 eingerichteten Frauentreffs (ehemals in der Diesterweg-Schule) im Stadtteil. Die Eroberung von Freizeiträumen für Familien im Sinne der Förderung der Partizipation wie auch die Unterstützung von Eltern und die Aktivierung von Vätern in der Wahrnehmung ihrer Erziehungsaufgabe stehen hier nach wie vor im Vordergrund.

In Zusammenarbeit mit der Diesterweg-Schule führen wir aktuell ein Elternprojekt zur Förderung der Erziehungspartnerschaft zwischen Schule und Eltern durch. Darüber hinaus setzen wir uns seit Mitte der 90iger Jahre konsequent und kontinuierlich mit Fragen der interkulturellen Öffnung unserer Dienste auseinander, die kultursensible Handlungskompetenz unserer MitarbeiterInnen zu fördern ist hier regelmäßiger Auftrag. Inzwischen sind wir auch durch die Qualifizierung unserer MitarbeiterInnen in der Lage interkulturelle Trainings anzubieten und durchzuführen. Eine weitere Frage, die uns in unserer Arbeit immer begleitet hat und auch heute immer noch hochaktuell ist, ist der Umgang mit Diskriminierungssachverhalten.

1.3. Was ist spezifisch an der Arbeit mit MigrantInnen?

Zugewanderte Menschen sind stark, kompetent, handlungsfähig, mutig und belastbar (sonst wären sie nicht ausgewandert!), sie haben zunächst nur eine einzige Schwierigkeit, sie verfügen meistens nicht vollständig oder auch gar nicht über die gemeinsame Sprache und die Kenntnis zu bestehenden sozialen Strukturen und Systemen. Außerdem ist sicher zu vermuten, dass Menschen, die aus welchen Gründen auch immer ihre Heimat, Familie und Freunde verlassen, diese vermissen und sie dieses auch belastet. Weiterhin sind zu berücksichtigen die kulturspezifischen Besonderheiten des Herkunftlandes.

In diesen biographischen Aspekten und Aspekten unterschiedlicher Lebensdingungen unterscheiden sich Menschen mit Zuwanderungsgeschichte immer von den Menschen der Mehrheitsgesellschaft, diese Unterschiede können zu Problemen führen, müssen es aber nicht.

Wenn man dieser Sichtweise weiter folgt, gelangt man sehr schnell zu den Gemeinsamkeiten, z.B. unterscheiden sich Eltern in ihrem Wunsch, das Beste für ihre Kinder zu wollen, nicht. Der Wunsch nach Arbeit und einem existenzsichernden Einkommen ist auch allen gemeinsam, der Wunsch nach Gesundheit, Glück, Freude und Frieden ist auch allen gemeinsam.

Kurz und gut, das Gemeinsame gemeinsam zu leben im Respekt vor der Leistung des Anderen, das Trennende zu wissen und zu respektieren machen im Sinne einer Haltung das Spezifische in der Arbeit mit Menschen mit Zuwanderungsgeschichte aus.

2. Welche Aufgaben haben Schulen aus Ihrer Sicht in Bezug auf die Integration von jungen Migrantinnen und Migranten? 

Die Aufgabe von Schule hat der Gesetzgeber eindeutig beschrieben, diese Vorgaben gelten für alle Schüler und Schülerinnen, unabhängig davon, ob diese eine Zuwanderungs-geschichte mitbringen oder nicht.

Schule muss gut ausgestattet sein, mit vielen motivierten kompetenten LehrerInnen, mit gutem Material und allem was Kinder zum Lernen brauchen. Vor allem aber ist es Aufgabe der Schule dafür sorgen, dass Kinder beim Lernen Erfolg haben, sich selbst etwas zutrauen können, sich im Lernen entwickeln können und dass die Lernleistung jedes Kindes wertgeschätzt wird.

Dafür braucht Schule aber auch einen Partner, nämlich die Eltern, die die eigentlichen Experten für ihre Kinder sind. Gelebte Erziehungspartnerschaft zwischen Schule und allen Eltern wäre nach unserer Auffassung die Vision. Dafür gibt es inzwischen auch schon viele gute Beispiele, denn an vielen Schulen hat man sich gemeinsam mit den Eltern auf den Weg gemacht an den Problemen für das gemeinsame Ziel, nämlich Kinder zum Schul- und Lernerfolg zu führen, zu arbeiten. Dass das gelingt, ist aber nicht nur in die Verantwortung der Schule zu geben, sondern muss auch in die Verantwortung der Eltern gegeben werden, darüber hinaus müssen auch die Rahmenbedingungen, in denen Schule handeln kann und stattfindet auf den Prüfstand gestellt werden. Mit anderen Worten: Schule kann hier nicht allein verantwortlich sein und Schule muss im Interesse aller Kinder handeln können!

3. Welche Aufgaben haben die Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund aus Ihrer Sicht in Bezug auf die Integration?

Auch hier lege ich Wert auf die Feststellung, dass alle Eltern immer die gleiche gemeinsame Aufgabe haben, nämlich ihre Kinder in Liebe auf ein selbständiges Leben vorzubereiten. Und alle Eltern wollen Verantwortung für ihre Kinder übernehmen.

Dieser Aufgabe gerecht zu werden, ist für alle Eltern in den immer komplexer werdenden Lebenswelten einer Informations- und Wissensgesellschaft  schwieriger geworden, für Eltern mit Zuwanderungsgeschichte ist es häufig eine zusätzliche Herausforderung, ihre mitgebrachten Vorstellungen von Förderung und Erziehungsverhalten mit den Erwartungen, die die hiesige Gesellschaft , besonders Kindergarten und Schule an sie stellen, zu verbinden. Hier brauchen Eltern mit Zuwanderungsgeschichte Unterstützung, Information  und den Respekt derjenigen, die in Schule und Kindergarten handeln und natürlich bedarf es der Bereitschaft der Eltern sich gemeinsam mit den anderen Erziehungspartnern auseinander zu setzen und mit zuarbeiten. Darüber hinaus müssen sich Eltern mit Zuwanderungsgeschichte insbesondere um die Sprachentwicklung ihrer Kinder kümmern, da sie aber leider häufig selbst auch nur über unvollständige Sprache sowohl im Deutschen wie auch in der Muttersprache verfügen, benötigen sie auch hier Unterstützung und auch hier müssen sie mitmachen.

Das Elternprojekt der Diesterweg-Schule bestätigt im Übrigen, dass die Erziehungspartner Eltern, Schule und OGS vertrauensvoll zusammenarbeiten können.

4. Viele Studien haben gezeigt, dass die Migrantenkinder zu den am stärksten benachteiligten Gruppen im deutschen Bildungssystem gehören. Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptursachen dafür?

Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, Bildungserfolg und bei Kindern aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte Sprachkompetenz – und zunehmend auch bei Kindern aus herkunftsdeutschen Familien - ist hinlänglich bekannt, ganz offenkundig gelingt es seit Jahrzehnten nicht, dieses Problem in den bestehenden Systemen privater und öffentlicher Erziehung und Bildung einer wirkungsvollen Lösung zuzuführen.

Grundsätzlich kann ich diese Frage nur in einer Forderung beantworten und die lautet, die Systeme müssen besser werden, der individuellen Förderung von Kindern muss mehr Raum gegeben werden können. Eltern als Experten für ihre Kinder müssen sich aktiv beteiligen und mitarbeiten. Wir müssen dringend in die Weiterentwicklung der Qualität unserer Bildungs- und Erziehungseinrichtungen und in die Arbeit mit Eltern investieren.

Zahlreiche Untersuchungen und Studien sind eindeutige Belege für die Notwendigkeit von intensiver Elternarbeit. Als Beispiel sei hier eine vom BAMF in Auftrag gegebene Studie, die die Förderung des Bildungserfolgs von Kindern und Jugendlichen durch familienorientierte Projekte untersucht. Der Abschlussbericht zum Projekt „Bildungserfolge bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch Zusammenarbeit mit den Eltern“ belegt und unterstützt die Erfahrungen der Integrationsagentur, die bereits seit Jahren in diesem Feld aktiv ist.

5. Wie beurteilen Sie die Arbeitsmarktsituation für Migrantinnen und Migranten?

Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sind am Arbeitsmarkt in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Dies belegen Untersuchungen und Statistiken nicht erst jetzt, sondern bereits seit vielen Jahren.

Wenn beginnend in den 50iger Jahren Menschen mit Migrationshintergrund zum Arbeiten nach Deutschland kamen, mündeten sie in der Regel in den Sektor der schweren Arbeit und der Hilfskraftarbeit ein unabhängig davon, ob sie eine Qualifikation hatten oder auch nicht. So hat sich diesen Menschen gegenüber von Seiten der Mehrheitsgesellschaft eine Sichtweise entwickelt, die sie ausschließlich für den niedrig qualifizierten Arbeitssektor identifiziert.

Unterstützt wird eine solche Haltung auch dadurch, dass insbesondere Berufsanerkennungsverfahren in Deutschland überaus schwierig und komplex waren und  sind, wie auch überwiegend die mitgebrachten Formalqualifikationen nur unterhalb des eigentlichen Niveaus anerkannt werden. Die Wahrnehmung der wirklich vorhandenen Qualifikation wird damit behindert.  Den Sektor der Hilfstätigkeiten gibt es darüber hinaus am Arbeitsmarkt inzwischen fast gar nicht mehr, so dass es  zwangsläufig bei oben beschriebener Situation zu einer Ausgrenzung am Arbeitsmarkt kommt.

Diese Entwicklung ist für junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die im Wettbewerb um einen Ausbildungsplatz bzw. Arbeitsplatz bei gleicher Ausgangsqualifikation leider häufig benachteiligt werden, besonders bedrückend. Inwieweit die demographischen Entwicklungen hier zu einer Entspannung der Situation beitragen werden, bleibt abzuwarten.

Im Übrigen macht sich ein weiterer Trend bemerkbar. Junge Menschen mit Zuwanderungshintergrund orientieren sich zunehmend in ihre Ursprungsländer, denn dort haben Sie vor dem Hintergrund ihrer Qualifikationen die besseren Angebote und Chancen auf eine erfolgreiche Erwerbsbiographie und erfreuen sich einer deutlichen Wertschätzung. Wenn sich dieser Trend ungebrochen fortsetzt, wird dies angesichts des Problems des Fachkräftemangels zu einer bitteren Erfahrung für diese Republik.

6. Inzwischen haben viele ArbeitsmigrantInnen das Rentenalter erreicht und die erwartete Rückkehr findet nicht statt. Nach 30, 40 Jahren und mehr ist Deutschland ihre Heimat geworden. Viele AWO Geschäftsstellen starten Interkulturelle Projekte in der Seniorenarbeit. Konzentrieren Sie sich als Verband auf diesen Bereich? Oder würden Sie vor Ort andere Schwerpunkte setzen?

Die Arbeiterwohlfahrt arbeitet seit den 90iger Jahren an dieser Fragestellung, sowohl in Ahlen als auch auf der Ebene des Spitzenverbandes. Im Kontext dieser Arbeit wurden Schulungsprogramme zur kultursensiblen Pflege entwickelt, diese wurden in die Praxis der Pflege integriert. Vor Ort planen wir derzeit keine spezifischen Seniorenprojekte, wenn man von Informationsangeboten und Freizeitangeboten einmal absieht.

Unser Arbeitsschwerpunkt liegt aktuell in der Entwicklung und Umsetzung von Konzepten und Angeboten für Eltern und in der Entwicklung und Umsetzung von Konzepten und Angeboten zur frühkindlichen Sprachentwicklung.

7. Wie beurteilen Sie die politischen Partizipationsmöglichkeiten für und von Migrantinnen und Migranten?

Menschen mit Zuwanderungsgeschichte können sich heute umfangreicher politisch engagieren als dies früher der Fall war, was insbesondere auf die jungen Menschen, die sich für die deutsche Staatsangehörigkeit nach Erreichen der Volljährigkeit entscheiden, zutrifft. Gleichwohl sind insbesondere Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit aus den politischen Gestaltungsräumen weitestgehend ausgeschlossen. Ein kommunales Wahlrecht für diese Bevölkerungsgruppe ist hier die richtige Antwort, denn nur wer sich beteiligen kann, wird auch Identifikation herstellen.

8. Hat sich aus Ihrer Sicht die Integrationspolitik von Bund und Ländern in den letzten Jahren verändert? Wie würden Sie diese Veränderungen beurteilen?

Letztendlich hat die Anerkennung der Realität, nämlich dass Deutschland Einwanderungsland ist und Integration nicht nur in der Bereitschaft der Zugewanderten zu suchen ist sondern auch die Bereitschaft der Mehrheitsgesellschaft sich zu öffnen erfordert, zu Veränderungen in der politischen Diskussion geführt.

Geblieben sind die Probleme, die im Zuge der Ignoranz der letzten 40 Jahre zu diesem Thema entstanden sind. Daran wird man mit Hochdruck ergebnisorientiert arbeiten müssen, will man die im Kleinen wachsende positive Stimmung zum Thema Integration nicht wieder verkümmern lassen.  

Debatten wie sie durch die Thesen von Sarrazin oder im Zusammenhang der Diskussion um so genannte Integrationsverweigerer entzündet werden, wirken da sehr destruktiv, zumal deren Inhalt einer Überprüfung anhand der Fakten nicht Stand hält.

9. Wie wird in Ihren Augen die Zukunft in Deutschland in zehn Jahren aussehen?

Es ist zu vermuten, dass man sich in den nächsten Jahren zunehmend mit Fragen der Diskriminierung, Rassismus und rechtsgerichteter Gewalt auseinandersetzen muss. Insbesondere dann, wenn es nicht gelingt, die Frage der Integration in einen breiten gesellschaftlichen Konsens einzubinden, die Zustimmung zu Sarrazins Thesen bei 70% der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik, wie auch die ungehemmten Äußerungen im Kontext der Diskussion zu Integrationsverweigerern belegen dies. Wie ich bereits eingangs ausführte ist der Anfang gemacht, weil zumindest alle relevanten politischen Richtungen den politischen Willen zur Integration formuliert haben. 

Vielen Dank!

(Interview: Mehmet Tanli, März 2011)