Interview mit benedikt Ruhmöller, Bürgermeister der Stadt Ahlen

Interview mit Benedikt Ruhmöller

Benedikt Ruhmöller (CDU) ist seit 1999 der Erste, direkt gewählte hauptamtliche Bürgermeister der Stadt Ahlen.

Interview

1. Hat sich aus Ihrer Sicht die Integrationspolitik von Bund und Ländern in den letzten Jahren verändert? Wie würden Sie diese Veränderungen beurteilen?In den letzten Jahren haben alle politischen Ebenen in Deutschland erkannt, dass die Integration der Menschen mit Migrationshintergrund eine zentrale politische Herausforderung darstellt. Inzwischen gibt es hochrangige Integrationskonferenzen und mehrere Integrationsminister, und alle maßgeblichen politischen Parteien stellen sich auch in ihren Programmen der Integrationsaufgabe.

Als Bürgermeister von Ahlen kann ich diese Entwicklung nur begrüßen. Denn hier ist ja besonders deutlich, wie notwendig eine erfolgreiche gesellschaftliche und wirtschaftliche Integration der zugewanderten Menschen ist. Ich hoffe sehr, dass Bund und Länder die kommunalen Integrationsanstrengungen auch nachhaltig finanziell unterstützen, denn darauf sind wir angewiesen.

2.    Was bedeutet für Sie – ganz allgemein – soziale Integration der Migrantinnen und Migranten?
Für mich ist ein Mensch sozial integriert, wenn er sich in seinem Umfeld wohlfühlt, darin akzeptiert wird und sich selbständig entfalten kann – dieses besonders auch in beruflicher Hinsicht. Dagegen erfordert soziale Integration keinesfalls, dass irgendjemand seine Kultur aufgibt oder sich die verschiedenen Kulturen angleichen. Erforderlich sind allerdings auf jeden Fall die gegenseitige Sprachfähigkeit und das Verständnis füreinander. 

3.    Was muss aus Ihrer Sicht geschehen, um die Integration von und für Migrantinnen und Migranten zu erleichtern? Welche Schwerpunkte würden Sie setzen?
Auf der einen Seite ist es von zentraler Bedeutung, die Migrantinnen und Migranten schon von frühauf sprachfähig zu machen, das heißt ihnen die Kompetenz in der deutschen Sprache zu vermitteln. Auch darüber hinaus müssen sie für das Berufsleben fit gemacht werden. Auf der anderen Seite muss sich unsere ganze Gesellschaft für unterschiedliche Kulturen interessieren und vor allem die Angst und Ressentiments davor ablegen.

4.    Welche Aufgaben haben Schulen aus Ihrer Sicht in Bezug auf die Integration von jungen Migrantinnen und Migranten?
Alle Erziehungs- und Bildungseinrichtungen – die Schulen, aber auch die Kindertagesstätten – nehmen eine Schlüsselfunktion für die gesellschaftliche und berufliche Integration ein. Sie müssen selbstverständlich die jungen Leute in jedweder Hinsicht bilden und schulen. Darüber hinaus sollten sie versuchen, die Familien zu erreichen und deren Interesse für Bildung zu schüren. Dieses erfordert allerdings auch eine entsprechende Ausstattung der Schulen, worum sich die Stadt Ahlen zurzeit mit großem Nachdruck bemüht, etwa in den neuen Ganztagsschulen Gymnasium und Realschule.

5.    Welche Aufgaben haben die Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund aus Ihrer Sicht in Bezug auf die Integration?
Die Eltern sind natürlich als Erste gefordert, ihre Kinder auf das Leben in unserer Gesellschaft vorzubereiten. Dazu müssen sie sich zunächst selbst bewusst und aktiv um ihre eigene Integration bemühen. Sie müssen dann ihre Kinder immer wieder dazu anspornen, sich in unserer deutschen Sprach- und Berufswelt einzugliedern. 

6.    Viele Studien haben gezeigt, dass die Migrantenkinder zu den am stärksten benachteiligten Gruppen im deutschen Bildungssystem gehören. Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptursachen dafür?
Viel zu lange haben wir die Integration nicht als zentrale Herausforderung unserer Gesellschaft verstanden. Wir haben die Migrantinnen und Migranten nicht genügend gefördert und gefordert, wir haben auch unser Bildungssystem nicht genügend für die Integrationsaufgabe ausgestattet. Diese Versäumnisse aufzuholen – auch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern – erfordert nun eine gewaltige Kraftanstrengung. 

7.    Wie beurteilen Sie die Arbeitsmarktsituation für Migrantinnen und Migranten?
Es gilt die einfache Formel: Je besser man qualifiziert ist, umso größer sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dieses bedeutet im Umkehrschluss: Weil viele Migrantenkinder in unserem Bildungssystem (noch) nicht richtig mitkommen und schlechtere Abschlüsse machen, mangelt es ihnen auch an Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dieses wird sich allmählich verändern, weil aus demografischen Gründen das Angebot an Arbeitskräften nachlässt und gleichzeitig – hoffentlich – die Bemühungen um bessere Bildung greifen. 

8.    Wie beurteilen Sie die politischen Partizipationsmöglichkeiten für und von Migrantinnen und Migranten?
Wenn eine zugewanderte Person die deutsche Staatsbürgerschaft erworben hat (was schon bei vielen der Fall ist), hat sie dieselben Rechte wie alle Bürgerinnen und Bürger, auch was die Beteiligung an politischen Entscheidungen anbelangt. Deshalb plädiere ich sehr dafür, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben und damit einen entscheidenden Schritt für die eigene Integration zu leisten. Ansonsten besteht immerhin die Möglichkeit, den Integrationsrat mit zu wählen oder auch in informeller Weise – etwa durch Gespräche oder Leserbriefe – Einfluss auszuüben. Insofern bietet unsere Gesellschaft vielfältige Möglichkeiten. 

9.    Wie wird in Ihren Augen die Zukunft in Deutschland in zehn Jahren aussehen?

Das lässt sich auf die kurze Formel bringen: „weniger, älter, bunter“. Mit anderen Worten: Die Migrantinnen und Migranten werden noch stärker als bisher das Bild unserer Städte prägen. Dieses wird besonders auch auf Ahlen zutreffen. Wir werden dankbar dafür sein, dass sie nach entsprechender beruflicher Qualifizierung viele Aufgaben übernehmen werden, für die keine „Ursprungsdeutschen“ mehr zur Verfügung stehen werden.

Vielen Dank!

(Interview: Mehmet Tanli, November 2010)