Interview mit Dietmar Zöller

Dietmar Zöller ist Geschäftsführer des PARITÄTISCHEN Wohlfahrtsverbandes im Kreis Warendorf und ebenfalls Geschäftsführer der PariSozial. Als PARITÄTISCHER berät, unterstützt und vertritt er 80 Vereine im Kreis mit 1400 hauptamtlichen Mitarbeitern.
Als PariSozial mit 160 Mitarbeitern hat er einen Schwerpunkt in der Integration von Migranten gesetzt und entwickelt ständig neue Dienste und Angebote für Kinder und Familien, für behinderte Menschen und eben besonders für Migranten. Deshalb sind in den letzten Jahren 25 Mitarbeiter mit Migrationshintergrund neu eingestellt worden.
Interview
1. Ganz allgemein, was bedeutet für Sie soziale Integration der Migrantinnen und Migranten? Welche Rolle spielen Sprachkenntnisse dabei?
Soziale Integration hat das Ziel, dass Migranten gute Schulabschlüsse, Ausbildungsplätze und Arbeitsplätze finden. Um das zu schaffen ist gutes Deutsch die wichtigste Grundlage. Dafür müssen Eltern mit ihren Kindern möglichst oft deutsch sprechen und die Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen.
Schule und Betriebe müssen den Kindern und Jugendlichen, die von zu Hause diese Hilfe (noch) nicht haben, besonders fördern. Gemeinsame Freizeitgestaltung und Engagement in Vereinen oder Projekten, wo Deutschstämmige und Migranten zusammen sind, ist ebenfalls ein sehr wichtiger Integrationsfaktor.
Migranten müssen Deutschland als ihr Land – ihre neue Heimat verstehen. Dabei müssen alle mithelfen.
2. Wie bewerten Sie die aktuellen Integrationsdebatten, auf lokaler und auf überregionaler Ebene?
Bei den Debatten muss man unterscheiden, ob sie zur Integration oder zur Spaltung zwischen den Gruppen führen – das ist nicht immer einfach.
Wenn Untersuchungen Probleme sachlich benennen, wie das zum Beispiel die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung macht, indem sie feststellt, dass die Islamfeindlichkeit in Deutschland in den letzten Monaten deutlich zugenommen hat und das als „Sarrazin-Effekt“ bezeichnet hat. In der Untersuchung wird auch deutlich, dass es natürlich Fremdenfeindlichkeit schon immer in Deutschland gegeben hat, es aber jetzt leichter ist, diese zu äußern und auf den Islam zu beziehen. Dass sich über 10 % einen Führer und 25 % eine einzige starke Partei wünschen, sagt ein Übriges und die Studie weist m. E. mit Recht darauf hin, dass in der aktuellen Debatte die Gefahr besteht, dass der demokratische Konsens im Umgang mit MigrantInnen kippt.
Eine zweite Studie (vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen) hat ermittelt, dass, je eher muslimische Jugendliche sich als religiös bezeichnen, umso mehr zu Gewalt neigen. D. h. explizit nicht, dass Religion die Ursache für Gewalt ist, sondern dass Religiosität und die Arbeit der Mehrheit der Imame in Deutschland sowie konservative Elternhäuser eine „Machokultur“ unter Jugendlichen fördern und dass je religiöser sich Jugendliche selber bezeichnen, umso mehr dieser „Machokultur“ zustimmen. Das Institut schlussfolgert, dass diese Erziehung und Orientierung auf die Vorrechte als Mann durch den kulturellen Bruch, den sie durch Emanzipation und den „Vormarsch der Frauen“ sehen zu Frustration und dann zu Aggression führen können. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass zum Bild von Imamen auch unter Bezugnahme auf eine andere Studie des Sozial- und Religionswissenschaftlers Rauf Ceylan bekannt gemacht wird, dass die Mehrheit der Imame konservative bis reaktionäre Männlichkeitsvorstellungen transportiert, was auch darin begründet ist, dass sie meist auf kurze Zeit und in der Regel ohne Sprach- und Kulturkenntnisse nach Deutschland geschickt werden und deshalb auch für wenig Verständnis und Akzeptanz der deutschen Kultur werben können.
3. Meinen Sie, dass bestimmte Volksgruppen oder Menschen aus manchen Kulturkreisen es schwerer haben sich zu integrieren als anderen? Wenn ja, warum? Spielt der Islam als praktizierte Religion dabei eine Rolle?
Viele zugewanderte Menschen kommen aus Ländern, in denen sehr traditionelle Werte vorherrschen. So z. B., dass der Mann über der Frau steht, dass Frauen und Mädchen nicht die gleichen Rechte haben wie Jungen und Männer oder das wenig oder gar keine Demokratie herrscht.
Das ist oft in islamisch geprägten Ländern der Fall, wie der Türkei, dem arabischen Raum oder im Nahen Osten. Wenn von dort diese Traditionen mitgebracht werden oder wenn hier lebende und aufgewachsenen Migranten sich auf diese Werte beziehen oder die Sharia als das islamische Rechtssystem über das Grundgesetz stellen, dann führt das zu Identitätskonflikten und zu Problemen bei der Integration.
In Deutschland muss jede Religion hinter staatlichen Gesetzen und Vorschriften im öffentlichen Leben zurückstehen – sie muss privat sein.
Ein moderner Muslim, der die vor 1400 Jahren niedergeschriebenen Grundsätze und Werte in einem geschichtlichen Zusammenhang sieht, also sich fragt, wie hätte Gott oder Mohammed heute über die „Dinge“ gesprochen oder wie hätte er heute Regeln und Werte formuliert, der wird keine Probleme haben.
Ein Islamverständnis, dass die islamischen Grundsätze „wortgenau“ von damals auf heute überträgt, wird bei der Integration dagegen an Grenzen stoßen.
4. Wie bewerten Sie die Ausländer- bzw. Integrationspolitik der Vergangenheit? Wie finden sie derzeitige Migrations- und Integrationspolitik in Deutschland bzw. wie sollte diese aus Ihrer Sicht sein?
40 Jahre hat sich Deutschland nicht um seine Zuwanderer gekümmert. In dieser Zeit haben Migranten Ausgrenzung, Benachteiligung und Demütigung erfahren, die auch heute noch in der Alltagsdiskriminierung fortwirken. Sei es durch Beschimpfungen, Benachteiligungen in Schulen und Beruf oder bei der Religionsausübung.
In den letzten 5 Jahren hat es aber viele Verbesserungen gegeben, so durch die Förderung der deutschen Sprache in Schule und Ausbildung. Wichtig wäre eine wirkliche Gleichstellung des Islams als Religion im Vergleich zu den christlichen Religionen, durch gleiche Rechte im Religionsunterricht, durch hier ausgebildete Religionslehrer, durch hier ausgebildete und deutschsprechende Imame sowie durch vergleichbare finanzielle Unterstützung. Aber erst wenn Politik und gesellschaftliche Organisationen wie Parteien, Vereine, Öffentlicher Dienst und Unternehmen sich noch mehr öffnen, kann Integration gelingen.
Die Verbesserung der rechtlichen Situation für hier lebende Migranten, wie Asylbewerber oder Menschen mit ausländischem Pass (z. B. durch kommunales Wahlrecht) gehören dazu.
5. Wie finden Sie mediale Berichtererstattung (regional und überregional) über Migrantinnen und Migranten? Wird aus Ihrer Sicht hier verallgemeinert und hat das Auswirkungen auf die Meinung der Mehrheitsbevölkerung, ggf. sogar auf die Selbstwahrnehmung von Migrantinnen und Migranten?
Fast ausschließlich wird über Migranten im Zusammenhang mit Problemen berichtet. Zum Teil werden durch Medien auch Vorurteile transportiert und damit verschärft. Besonderes Beispiel ist die Sarrazin-Debatte, wo am Anfang Medien wahllos die Thesen zu „niederwertiger Intelligenz“ bei Muslimen, zu mangelnder Integrationsbereitschaft, mangelhafter Sicherung der eigenen Existenz oder mangelhaftem Beitrag zum deutschen Wohlstand übernommen haben.
Gerade Muslime müssen sich verletzt und ausgegrenzt vorgekommen sein, wenn sie am Kiosk die Schlagzeilen lesen mussten. Noch schwieriger ist es dadurch, dass viele Migranten wenig deutsche Tageszeitungen lesen oder Sendungen schauen, die differenzierter und nicht islamfeindlich das Thema Integration diskutieren.
Da können nur die negativen Schlagzeilen hängenbleiben. Regional haben sich Zeitungen und Akteure bemüht, das Thema sachlicher zu behandeln, aber gegen BILD Zeitung und leider auch Medien wie Spiegel und Focus kommt man schlecht an.
Wenn Migranten und ihre Religion so pauschal verurteilt oder angefeindet werden, kann das nur zu Rückzug und Parallelgesellschaften oder auch Auswanderungsgedanken führen – wie man gerade von gebildeten Migranten weiß.
Es ist durch die von Sarrazin angezettelte Debatte, die pauschal gegen den Islam und bestimmte Kulturen gerichtet war, viel Vertrauen verloren gegangen, so dass die zum Teil richtige Wiedergabe von Missständen und Defiziten in der Integration nicht besprochen werden können.
6. „Integration ist keine Einbahnstraße“, das hört man immer wieder. Was sind aus Ihrer Sicht grundsätzliche Aufgaben die die Mehrheitsgesellschaft zu erfüllen hat, und welches sind grundsätzliche Aufgaben der Menschen mit Migrationshintergrund?
Wenn aber Muslim- und Islamfeindlichkeit geschürt wird, wie das die Sarrazin-Debatte getan hat, dann bedeutet das:
Stärker als bisher müssen wir eine Willkommenskultur entwickeln, die sich auch dessen bewusst ist, welchen Diskriminierungen MigrantInnen heute noch und immer wieder ausgesetzt sind. Nicht nur, dass es in den letzten 40 Jahren von der Politik kein Interesse an einer wirklichen Integration gab, sei es aus Gründen der Verdrängung oder einer „Multi-Kulti-Romantik“, die sich darin zeigte, dass auf die Förderung der deutschen Sprache kein Wert gelegt wurde, die Bildungsanstrengungen für und bei Migranten zu gering waren, die Wirtschaft die Potenziale der Migranten nicht genutzt und durch Ausbildung gefördert hat und dass es keine Anerkennung von ausländischen Abschlüssen gab.
Zu dieser grundsätzlichen Diskriminierung kommt noch die Alltagsdiskriminierung, die nach wie vor hoch ist, indem MigrantInnen als „Kameltreiber“, „Schwarzköpfe“ o. ä. beschimpft werden oder ein ausländischer Name bei der Bewerbung ein Hindernis darstellt. Wenn man das mit den pauschalen Verurteilungen zusammennimmt, die in genetischen, biologistischen und sonstigen Zuordnungen gipfeln, dann wundert es nicht, wenn Migrant-Innen sich abwenden oder sich in Parallelgesellschaften oder in Frustration zurückziehen.
Die Menschen mit Migrationshintergrund müssen so schnell wie möglich und so früh wie möglich gutes Deutsch lernen. Sie sollen nicht ihre Heimat oder ihr Land wo sie herkommen vergessen, auch kulturelle Werte einbringen, aber sie müssen sich zu allererst als Bürger dieses Landes verstehen, denn hier wollen sie leben, arbeiten und Freizeit verbringen.
Sie müssen gute Sprachkenntnisse, gute Schulbildung und Engagement für ihr neues Heimatland einbringen, denn wenn die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund zunimmt, dann müssen sie viel mehr als sie das heute können und als sie das heute tun, die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Potentiale einer Stadt tragen, wenn Deutschland seinen wirtschaftlichen und sozialen Stand halten will.
Insbesondere müssen sie sich in Parteien, sozialen und kulturellen Vereinen und Institutionen engagieren und hier nicht vorwiegend in ethnisch orientierten Vereinen, sondern gemischt mit allen Bürgern einer Stadt.
Dazu muss die Mehrheitsgesellschaft und die Politik sie noch viel mehr einladen aber auch „drängen“.
7. Was verstehen Sie unter „Interkultureller Öffnung“? Beschäftigen Sie in Ihrer Einrichtung Personal mit Migrationshintergrund, haben Sie interkulturelle Arbeitsteams und wie sind Ihre Erfahrungen mit diesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern?
Interkulturelle Öffnung ist die Ausrichtung eines Unternehmens auf Bedürfnisse, Probleme und Chancen, die Migranten ergreifen können.
Als Unternehmen, das soziale Dienste und Angebote für Menschen, sei es z. B. Logopädie, Ergotherapie, Krankengymnastik, Familienberatung, Hilfe für Behinderte und Senioren anbietet, haben wir 25 Mitarbeiter mit Migrationshintergrund bei 160 Mitarbeitern gesamt eingestellt, um Sprachbarrieren abzubauen, aber auch um die Kultur der Zuwanderer und deren Vorstellungen zu verstehen.
In einzelnen Fällen bieten wir mehrsprachige Informationsbroschüren an, wir arbeiten mit Migrantenselbstorganisationen, Vereinen und Moscheen zusammen. Wir haben eine interne Arbeitsgruppe „Integration“ aus deutschstämmigen und Mitarbeitern mit Migrationshintergrund.
Die Zusammenarbeit ist gut, aber es treten auch Probleme auf – häufig wenn es um kulturelle Hintergründe oder Verhaltensweisen geht, die gegenseitig manchmal nicht verstanden werden. Da ist dann Toleranz, aber auch mal „Streit“ gefragt – Streit als Diskussion und nicht als Abgrenzung.
Wir wollen Migranten verstehen und ihre Situation hier in einem neuen Land berücksichtigen, aber wir wollen sie auch für Deutschland und für unsere Stadt gewinnen, für gemeinsames Engagement und gemeinsame Freizeitgestaltung.
Unsere Mitarbeiter mit Migrationshintergrund sollen aber nicht nur Migranten beraten und unterstützen, sondern genauso wie deutschstämmige Kollegen für alle da sein. Dazu gehört auch, dass sie die Werte des PARITÄTISCHEN wie Offenheit, Toleranz und Vielfalt vertreten.
Religion oder religiös begründete Verhaltensweisen dürfen Mitarbeiter nicht in ihre Arbeit mit einbringen, genauso wie parteipolitische Vorstellungen, weil wir parteipolitisch und religiös neutral sind.
8. Was verstehen Sie unter „Interkultureller Öffnung“? Beschäftigen Sie in Ihrer Einrichtung Personal mit Migrationshintergrund, haben Sie interkulturelle Arbeitsteams und wie sind Ihre Erfahrungen mit diesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern?
Studien zeigen auch, dass Migrantenkinder häufig zu sozial schwachen Schichten gehören.
Weil alle Pisa-Studien seit 10 Jahren zeigen, dass gerade in Deutschland die soziale Herkunft so stark über den Bildungserfolg entscheidet wie in kaum einem anderen Land sind auch Migranten hier besonders stark betroffen.
Wo die Eltern schlechter Deutsch sprechen, nur über geringe Bildung und wenig Einkommen verfügen, können sie ihre Kinder nicht hinreichend unterstützen,
Schulen müssen deshalb grundsätzlich als Ganztagsschule eingerichtet werden, um Kinder bei den Hausaufgaben zu unterstützen sowie Sport- und Freizeitaktivitäten anbieten. Migrantenkinder müssen so früh wie möglich Deutsch lernen und die Eltern müssen dazu angehalten werden, das zu unterstützen.
Im Elternhaus und in der Freizeit muss überwiegend Deutsch gesprochen werden, um den Wortschatz und die Sprachpraxis zu verbessern. Schulen können nicht vollständig die Erziehungsaufgabe der Eltern mit übernehmen.
Neben Schulen haben aber auch Vereine, soziale Organisationen und Firmen einen Integrationsauftrag, indem sie Angebote unterbreiten!
9. Was sind Ihre Tipps und Wünsche für eine gelungene Integration, bessere Kommunikation und mehr Begegnungen zwischen Deutschen und Migrantinnen und Migranten?
Gelungene Integration ist die umfassende Teilhabe an der Gesellschaft in Kindergarten, Schule, Beruf und Freizeit. Bildung ist die wichtigste Aufgabe der sich Politik, Gesellschaft und Eltern stellen müssen.
Vorhandene Parallelgesellschaften, in denen Menschen mit Migrationshintergrund ohne Deutsch zu sprechen ihren Alltag gestalten können, müssen aufgelöst werden.
Deutsche und Zuwanderer müssen den Willen zur Auflösung dieses Milieus haben.
Freiwillige Begegnungen in der Freizeit, freiwilliges gemeinsames Engagement für die eigene Stadt oder den Stadtteil oder im Sport müssen organisiert werden, weil zu wenig von sich aus stattfindet.
Dazu gehören Feste und Veranstaltungen, die für alle Zielgruppen interessant sind, durch entsprechende Speisen, Getränke- und Kulturangebote.
Das ist ein weiter Weg.
Mit unserer seit 2009 durchgeführten Aktion „Ahlen zeigt Flagge“
· Volkslauf und Fest der Kulturen 2009
· Parade und Fest der Kulturen 2010
haben wir einen Anfang gemacht, indem dort 50% Deutschstämmige und 50% Migranten mitgemacht haben.
Bei den meisten Festen ist das nicht der Fall.
Da bleiben die Ethnien unter sich.
Das zu ändern ist die Aufgabe beider Seiten.
Schnell geht das nicht – ein langer Atem ist gefragt.
20 Jahre?
Aber kaum ein Land in Europa und Amerika ist besser aufgestellt. So starke Diskriminierung, Ghettos, Slums und ethnische Konflikte wie in England, Frankreich oder USA gibt es bei uns (noch) nicht. Das ist eine Chance.
(Interview: Mehmet Tanli, Januar 2011)
