Interview mit Helena Sienawski, Fachdienst für Integration im Caritasverband Ahlen

Über Frau Sienawski
Helena Sieniawski ist seit 2006 als Migrationserstberaterin (Fachdienst für Integration und Migration) bei der Caritas im Dekanat Ahlen zuständig.
Migrationserstberatungen sind eine Form der Sozialberatung von Zuwanderern. Die Migrationserstberatung setzt seit 2005 die bis dahin getrennt durchgeführten Bundesprogramme zur Aussiedlerberatung und zur Ausländersozialberatung fort. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ist für die Organisation der Migrationserstberatung verantwortlich, mit der Durchführung werden insbesondere die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege – in Ahlen sind das AWO und Caritas – beauftragt. Aufgabe der Migrationserstberatung ist es, den Integrationsprozess gezielt zu initiieren, zu steuern und zu begleiten.
Interview
1. Seit wann arbeiten Sie im Fachdienst für Integration und Migration
des Caritasverbands Ahlen. Wann haben Sie Sprechstunden? Wo sind Sie erreichbar?
Ich bin seit 2006 im Fachdienst für Integration und Migration im Caritasverband für das Dekanat Ahlen e.V. tätig. Wir bieten zwei Mal wöchentlich eine offene Sprechstunde an: dienstags von 15.00 bis 17.00 Uhr und donnerstags von 9.00 bis 11.00 Uhr. Sie können uns Mo-Do in der Zeit von 8.30 bis 16.30 Uhr und Fr 8.30-12.30 Uhr telefonisch unter 02382 893128 erreichen.
2. Wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation der MigrantInnen in Deutschland ein? Was bedeutet für Sie – ganz allgemein – soziale Integration von Menschen mit Migrationshintergrund?
In den letzten Jahren wurde die Situation der MigtantInnen in Deutschland stark problemfixiert und polarisierend diskutiert. Natürlich gibt es einen Teil der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die nicht über zufriedenstellende Kenntnisse der deutschen Sprache verfügen so wie es Defizite bei der Gleichstellung der Geschlechter oder im Demokratieverständnis, Bildungsbenachteiligung und unzureichende Arbeitsmarkt-integration gibt. Diese Probleme sind aber in erster Linie Folgen sozialer und gesellschaftlicher Ausgrenzung und betreffen Deutsche ohne Migrationshintergrund in ähnlicher Lage genauso. Das zeigt, dass Handlungsbedarf besteht, betreffen aber nicht alle Menschen mit Migrationshintergrund, sondern nur eine Minderheit unter ihnen. Um die soziale Integration der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte voranzutreiben müssen vielmehr die positiven Effekte durch die Migration und Integration sowie die Integrationsleistungen, von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten erbracht, stärker gewürdigt werden.
3. Seit wann gibt es die Spätaussiedlermigration in Deutschland? Wie ist sie entstanden? Bis heute sind über fünf Millionen Aussiedlerinnen und Aussiedler einschließlich ihrer Familienangehörigen in die Bundesrepublik eingewandert. Welche Integrationsprobleme haben diese im Einzelnen? Wie gestaltet sich überhaupt die Integration von Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedlern in der Bundesrepublik?
Die Spätaussiedlermigration hat ihren Ursprung in der Geschichte der jungen Bundesrepublik Deutschland in 1950. Nach dem Ende der Flucht- und Vertreibungsmigration infolge des Zweiten Weltkrieges lebten rund vier Millionen deutschen außerhalb der alten Reichsgrenzen, viele von ihnen in der ehemaligen Sowjetunion, Polen, Rumänien und damals Tschechoslowakei. Die Vorgeschichte reicht sogar noch wesentlich weiter zurück, vom Mittelalter bis in das 19. Jahrhundert, als in mehreren Siedlungsbewegungen Deutsche in das heutige Mittel- und Ostdeutschland sowie weite Gebiete Ostmittel-, Ost- und Südeuropas und sogar den asiatischen Teil Russlands und in Folge der Vertreibungen und Deportationen im Zuge des Zweiten Weltkrieges, bis nach Asien gekommen waren. Nach dem Grundgesetz werden diese Menschen und ihre Nachkommen als „deutsche Volkszugehörige“ bezeichnet. Unter bestimmten Voraussetzungen können diese Menschen in die Bundesrepublik einreisen. Sie sind dann berechtigt, Integrationshilfen, wie der Integrations- und Orientierungskurs, in Anspruch zu nehmen und erhalten die deutsche Staatsangehörigkeit.
4. Wie viele SpätaussiedlerInnen leben insgesamt im Kreis Warendorf? Haben Spätaussiedler Ihrer Meinung nach andere Probleme als die „klassischen“ Migrantinnen und Migranten aus den Anwerbeländern wie der Türkei oder anderen islamischen Ländern?
Die Spätaussiedler sind dem Status nach Deutsche und wurden in den meisten Statistiken nicht erfasst. Daher gibt es keine verlässlichen Zahlen, wie viele im Kreis Warendorf leben. Viele Aussiedlerinnen und Aussiedler haben ähnliche Sprach- und Integrationsprobleme wie auch die ausländische Zuwanderer. Gerade die jüngeren Einwanderer haben nur wenig Bindung zur deutschen Sprache und Kultur. Sie sind mit vielfältigen Integrationsproblemen, wie Sprachdefizite, Arbeitslosigkeit, Orientierungslosigkeit, sowie mangelnder Akzeptanz in der deutschen Gesellschaft konfrontiert.
5. Aus der Praxis von Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten sowie aus den Erfahrungen im Strafvollzug scheinen sich Anhaltspunkte dafür zu ergeben, dass junge Aussiedler in besonderem Maße strafrechtlich auffällig werden. Teilen Sie diese Meinung und wenn ja, woran könnte das liegen?
Nach der starken Zunahme des Zuzugs von Aussiedlern Ende der 80er-/Anfang der 90er-Jahre bereitete die Integration dieser Bevölkerungsgruppe in Deutschland, zumindest bei den jüngeren Altersgruppen, Probleme. Die Kriminalität von Aussiedlern wurde seit Mitte der 90er-Jahre für Polizei zum Thema und in der Öffentlichkeit sehr emotional diskutiert. Seit dem Jahr 2004 wird in NRW der Personenkreis der Spätaussiedler in der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) gesondert erhoben, um die Fakten objektiver beleuchten zu können. Denn Russlanddeutsche bzw. Spätaussiedler wurden in den meisten Statistiken bis dahin nicht gesondert erfasst, weil sie dem Status nach Deutsche sind. Die Zahl der tatverdächtigen Spätaussiedler in der aktuellen Kriminalitätsstatistik für Nordrhein-Westfalen liegt mit - 2,4 Prozent im Verhältnis deutlich unter ihrem Bevölkerungsanteil, der mit ca. 4,5 Prozent (Quelle: Landesstelle für Aussiedler, Zuwanderer und ausländische Flüchtlinge NRW in Unna-Massen -LUM) angenommen wird. Nur eine Minderheit der Jugendlichen stellt eine besondere Problemgruppe dar. Häufig geht die hohe Gewaltbereitschaft dieser kleinen Gruppe mit Alkohol- und Drogenkonsum einher. Dass dieses Bild entstanden ist, hat wahrscheinlich unter anderem die Tatsache beigetragen, dass die Gruppe der jungen Aussiedler aufgrund ihrer Erfahrungen im Herkunftsland dazu neigt, beispielsweise bei Konflikten die Polizei nicht in Anspruch zu nehmen, sondern die Dinge - auch gewaltsam - untereinander auszutragen.
Generell gilt, dass Kriminalität nicht die Konsequenz bestimmter Staatsangehörigkeiten ist, sondern maßgebliche Folge einer ungünstigen sozialen Lage. Die Zusammenhänge von Ethnie und Kriminalität/Gewalt sind bis heute unklar, da viele andere Faktoren für die Kriminalitätsbelastung ursächlich sein können.
6. Welchen Appell haben Sie an Migrantenjugendliche?
Grundlage von Integration ist die gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft. Integration ist ein Prozess, bei dem beide Seiten gefordert sind. Für die jugendliche Migrantinnen und Migranten bedeutet dies die Bereitschaft, ihren Teil zur Entwicklung des Landes und der Gesellschaft beizutragen, d.h. die Anerkennung der im Grundgesetz festgelegten Grund- und Menschenrechte und im Gegenzug die Rechte nutzen zu können, die Staat und Gesellschaft für alle bieten. Die Kombination von Pflichten und Rechten schafft für sie Verbundenheit zur Gesellschaft.
Außerdem ist es ja bekannt, dass es vor allem der Bildungsgrad ist, der über Erfolg und Misserfolg in der neuen Heimat entscheide. Je höher der Bildungsstand von Einwanderern, desto leichter gelingt es ihnen, sich einzugliedern und Fuß zu fassen. Daher ist es wichtig, sich in der Schule und im Beruf zu engagieren.
7. Welche Aufgaben haben Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund aus Ihrer Sicht in Bezug auf die Integration?
Hier gilt zunächst, was für alle Eltern gilt: Sie sollten dafür sorgen, dass es zu Hause ein emotional positives und unterstützendes Erziehungsklima gibt. Sie selbst sollten als Vorbilder für konstruktive Problemlösungen ihren Kindern zur Verfügung stehen, insbesondere in belastenden Situationen.
Eltern müssen sich auch darüber im Klaren sein, dass ihre Kinder eine schwierige Aufgabe zu bewältigen haben: zwischen den Kulturen aufzuwachsen und ihre Identität herauszubilden. Dabei brauchen die Kinder ihre Unterstützung. Von sehr großer Bedeutung ist es, dass sie – so gut es geht – ihren oft sehr ausgeprägten Wunsch, dass ihre Kinder es zu Etwas bringen, in konkrete Unterstützung in Sachen Bildung umsetzen. Es ist hier wichtig, gemeinsam mit dem Kind zu überlegen, welche Unterstützung es braucht. Wenn sie diese Unterstützung nicht selbst leisten können – aus welchen Gründen auch immer –, ist es wichtig, entsprechende Unterstützung zu organisieren beziehungsweise sich beraten zu lassen. Bildung einschließlich des Erwerbs der deutschen Sprache ist entscheidend: Ob in der Kita oder in der Schule.
8. Wie sieht Ihrer Einschätzung nach die Zukunft der MigrantInnen in Deutschland aus?
Deutschland ist ein Einwanderungsland – und das schon seit 50 Jahren: seit dem Beginn der Gastarbeiteranwerbung in den 50er Jahren sind jedes Jahr über 200.000 Menschen zugewandert. Diese Zuwanderung schuf wichtige Impulse auf dem Arbeits- und Wirtschaftsmarkt sowie in unserer Gesellschaft: MigrantInnen bringen häufig neue Fähigkeiten mit und tragen zur Vielfalt und Kreativität unserer Gesellschaft bei.
Vielen Dank!
(Interview: Mehmet Tanli, September 2011)
