Interview mit Hermann Huerkamp, Geschäftsführer des Stadtteilbüros
Interview mit Hermann Huerkamp
Kurzbeschreibung des Stadtteilbüros Süd-Ost
Der Ahlener Südosten – am Rande der Kernstadt, "jenseits" der Bahn gelegen – ist ein sehr stark vom Bergbau geprägter Stadtteil mit rund 17.000 Menschen (von 55.000 Einwohnern in der Gesamtstadt). Die Stilllegung der südlich angrenzenden Zeche Westfalen im Jahr 2000 führte zum Abbau von ca. 2600 Arbeitsplätzen im Stadtgebiet – ein Prozess, der durch den Einsatz verschiedener sozialer Programme weitgehend abgefedert werden konnte.
Das Stadtteilbüro ist zentral im Ahlener Osten am Glückaufplatz angesiedelt und koordiniert Aktivitäten im Ahlener Südosten.
Ein wichtiges Handlungsfeld ist auch die Förderung sozialer Netze und kultureller Aktivitäten (u. a. Stadtteilfest, Mobile Jugendarbeit, Christlich-Muslimischer Dialog, Umnutzung des Baudenkmals Glückaufheim zu einem Kommunikations- und Versorgungszentrum).
Mit einem jährlichen von den Akteuren des Stadtteils vergebenen Stadtteiletat werden soziale, wohnumfeldbezogene und kulturelle Projekte gefördert. Darüber hinaus sollen die Bildungsangebote – vor allem für die türkische Bevölkerung – verbessert werden. Die Entwicklung und die Einbindung der Fläche der ehemaligen Zeche Westfalen in den Erneuerungsprozess des Stadtteils ist dabei ein besonderer Handlungsschwerpunkt.
Interview
1. Was bedeutet für Sie – ganz allgemein – soziale Integration von Menschen mit Migrationshintergrund?
Für mich bedeutet Integration schlicht formuliert Zusammenleben von Menschen, gleichberechtigt, mit gleichen Rechten und Pflichten. Wir müssen als Gemeinschaft unsere Gemeinsamkeiten herausstellen und Unterschiede zu lassen.
2. Wo steht das Stadtteilbüro im Ahlener Osten mit der Migrantenarbeit?
Wir kümmern uns um die Menschen im Ahlener Südosten unerheblich ob diese Migranten sind oder nicht. In unserer Arbeit sind uns alle Menschen willkommen. Ich hoffe sehr, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stadtteilforums das auch ausstrahlen, wenn es so was wie eine „Firmenphilosophie“ bei uns gibt, dann die, dass wir bürgerorientiert sein wollen.
3. Was ist spezifisch an der Arbeit mit MigrantInnen?
Bisher habe ich in meiner ca. 30 jährigen Arbeit das Spezifische von den Migranten nicht festgestellt. Jeder Mensch ist individuell, natürlich auch Menschen mit Migrationshintergrund. Soziale Kategorien helfen uns nicht weiter, da diese immer zuschreibend und damit stigmatisierend sind. Sätze wie „Der Deutsche ist so und so oder der Türke ist so und so“ sind immer falsch. Wichtig ist, alltägliche Räume der Begegnungen und des Austausches zu schaffen und immer wieder bei türkischen Gruppen die deutsche Sprache als Verkehrssprache einzufordern, da sonst keine Begegnung von Menschen unterschiedlicher Herkunft stattfinden kann.
4. Welche Aufgaben haben Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund aus Ihrer Sicht in Bezug auf die Integration?
Hier sehe ich keine besondere Aufgabe für Eltern mit Migrationshintergrund. Alle Eltern müssen sich verantwortlich und vorbildlich um ihre Kinder kümmern, diese fördern, erziehen und begleiten, damit selbstbewusste und eigenständige Persönlichkeiten entstehen. Wenn es eine Besonderheit für diese Zielgruppe gibt, dann die, dass ein Aufwachsen in zwei Kulturen und damit eine natürliche Zweisprachigkeit ein großer Schatz ist. Dieser Schatz muss von den Eltern gemeinsam mit ihren Kindern gehoben werden, dann wird aus der familiären Migrationserfahrung eine Stärke.
5. Welche Aufgaben haben Schulen aus Ihrer Sicht in Bezug auf die Integration von jungen MigrantInnen?
Die Schulen bilden unsere Kinder also auch junge MigrantInnen aus und müssen diese individuell fördern. Sie werden hier zu Persönlichkeiten, um das Leben privat und beruflich meistern zu können. Neben der jeweils sehr wichtigen fachlichen Bildung ist mir auch eine soziale und kulturelle Bildung durch die Institution Schule wichtig.
6. Viele Studien haben gezeigt, dass Migrantenkinder zu den am stärksten benachteiligten Gruppen im deutschen Bildungssystem gehören. Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptursachen dafür?
Das dreigliedrige Schulsystem mit seiner selektiven Funktion gehört abgeschafft, da sie Unterschiede zementiert und leider nicht Benachteiligungen aufhebt. Ich glaube, dass die Differenzierung von Schülern nicht nach der Grundschule sondern erst wesentlich später erfolgen sollte.
Grundsätzlich müssen Migrantenkinder zweisprachig werden. Dies muss natürlich schon früh im Kindergarten und Schule durch Angebote gefördert werden, aber besonders wichtig ist hier die Verantwortung der Eltern, die sich dessen bewusst sein und dieses Erziehungsziel verfolgen sollten.
7. Wie beurteilen Sie die Arbeitsmartsituation für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte?
Der Arbeitsmarkt ist für gering Qualifizierte schwierig, das gilt dann leider auch für Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte, wenn diese schlecht qualifiziert sind.
Bildung und qualifizierte Ausbildung ist der Schlüssel zum Zusammenleben, sicher auch für gute Jobs.
8. Inzwischen haben viele ArbeitsmigrantInnen das Rentenalter erreicht und die erwartete Rückkehr findet nicht statt. Nach 30, 40 Jahren und mehr ist Deutschland ihre Heimat geworden. Haben Sie auch vor, interkulturelle Projekte für die älteren Migranten zu starten? Konzentrieren Sie sich als Stadtteilbüro auf diesen Bereich? Oder würden Sie vor Ort andere Schwerpunkte setzen?
Bisher machen wir selten spezifische Angebote für diese Zielgruppe. Das Stadtteilbüro bietet eine niedrigschwellige Beratung in allen Lebenslagen an. Hier kommen viele Menschen mit Migrationshintergrund, auch gerade Migranten der 1. Generation, da diese nicht so gut deutsch sprechen und oft mit dem Ausfüllen von Formularen, etc. überfordert sind.
Bei Veranstaltungen, die wir mit Akteuren vor Ort interkulturell organisieren, sprechen wir immer die komplette Familie an. In unserem Projekt Freizeithilfen vor Ort sind wir sehr bemüht die Informationen über Veranstaltungen, Kurse oder ähnliches auch an diese Zielgruppe weiter zu geben, damit sie teilnehmen können.
9. Wie beurteilen Sie die politischen Partizipationsmöglichkeiten für und von Menschen mit Migrationshintergrund?
Ich bin für das kommunale Wahlrecht für Menschen, die hier ihren Lebensmittelpunkt haben. Alle anderen Konstruktionen sind ein Behelf und nehmen die Menschen in ihrer Interessens- und Bedürfnislage nicht wirklich ernst. Alle Parteien und politische Gruppierungen sollten sich öffnen, auch für Menschen mit Migrationshintergrund.
Sicherlich ist die Einbürgerung ein ganz wertvoller Schritt zur echten, gleichberechtigten Teilhabe an unserer Gesellschaft.
10. Hat sich aus Ihrer Sicht die Integrationspolitik von Bund und Ländern in den letzten Jahren verändert? Wie würden Sie diese Veränderungen beurteilen?
Beim Bund, in den Ländern, aber auch in Kommunen hat sich einiges geändert. Integration ist politisch in aller Munde, was erst einmal wichtig ist, allerdings wohl Jahre zu spät kommt, denn Bildung als Schlüssel der Integration wurde doch lange vernachlässigt.
Grundsätzlich begrüße ich eine Bildungsoffensive, denn die Zukunft werden wir nur mit gut ausgebildeten Menschen gestalten können, wo Menschen mit Migrationshintergrund selbstverständlich eingeschlossen sind.
11. Wie wird in Ihren Augen die Zukunft in Deutschland in zehn Jahren aussehen?
Dies kann ich nicht beantworten, da mir diese „Seher“-Fähigkeit abgeht, gerade in fast „apokalyptischen Zeiten“, wie das Beispiel Fukushima lehrt.
Da ich ein positiver Mensch bin, hoffe ich auf eine gute Zukunft, für die Integration bedeutet dies auch weiterhin ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Menschen und Gruppen.
Vielen Dank!
(Interview: Mehmet Tanli, Mai 2011)
