Hier finden Sie Interviews mit Persönlichkeiten der regionalen und überregionalen Integrationsarbeit, die in unregelmäßigen Abständen durchgeführt werden.

Interview mit Daniela Noack (Integrationsteam der Stadt Ahlen)

Daniela Noack (3.v.l.)

Über  Daniela Noack

Kurzer Text zur Biographie

Geboren 1981 in Traunstein/Bayern. Ab 2002 Studium der Sozialwissenschaften an der Georg-Simon-Ohm Hochschule in Nürnberg, Diplomarbeit zum Thema „Delinquenz als subjektives Verarbeitungsmuster von Ausgrenzungserfahrungen junger Migranten? Mögliche Zusammenhänge dargestellt anhand von qualitativen Interviews im Jugendstrafvollzug.” Berufstätigkeit unter anderem in der Bewährungshilfe Rosenheim und Jugendgerichtshilfe Nürnberger Land. Fort- und Weiterbildungen im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und der Interkulturellen Arbeit. Seit Mai 2008 Anstellung als Integrationsbeauftragte und Geschäftsführung Integrationsrat der Stadt Ahlen. Parallel dazu seit 2009 Lehrbeauftragte der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Seit 2011 Gründungsmitglied des Vereins gegen Kinderarmut „Lunchclub“ und seit 2012 stellvertretende Vorsitzende.

1. Seit wann arbeiten Sie im Integrationsteam der Stadt Ahlen? Wo sind Sie erreichbar? Was sind Hauptaufgaben Ihrer Arbeit?

Ich arbeite seit Mai 2008 im Integrationsteam der Stadt Ahlen. Erreichbar bin ich und das Integrationsteam im Rathaus, 3. Stock im Büro 339. Die Telefonnummer lautet 02382/ 59 -747, auch per E-Mail sind wir erreichbar unter integrationsteam@stadt.ahlen.de.

Wir sind im Bereich Migration und Integration für die Vernetzung, Transparenz und strategische Steuerung zuständig. Das bedeutet, wir bringen die Anbieter von Angeboten zur Unterstützung der Integration zusammen, um die Maßnahmen zu verbessern, aufeinander abzustimmen und dort, wo es noch Lücken gibt, diese zu schließen. Teils machen wir eigene Angebote wie Bildungsfahrten, Veranstaltungen wie den „Tag der Integration“ oder Ausschreibungen wie z.B. zum jährlichen Integrationspreis der Stadt Ahlen. Zudem möchten wir, dass alle die Unterstützung benötigen, ausreichend über die Angebotspalette informiert sind und erstellen hierzu vielerlei Material.

Darüber hinaus gibt es viele weitere Aufgaben, von denen nur eine hier noch erwähnt werden soll: Der Integrationsrat der Stadt Ahlen als kommunalpolitische Vertretung der Ahlener mit Migrationshintergrund wird aus unserem Team heraus in seiner Arbeit unterstützt.

2.       Sprache ist der Schlüssel für erfolgreiche Integration. Aus diesem Grund wurde zu Beginn 2005, mit Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes, ein Angebot an staatlich geförderten Sprachkursen entwickelt. Besuchen genug Migrantinnen und Migranten diese Kurse?

Gerade in Ahlen konnten bislang durch unterschiedliche Träger viele Kurse angeboten werden, die auch gut angenommen wurden. Viele Menschen mit Migrationshintergrund konnten hier nicht nur erste Deutschkenntnisse erwerben, sondern auch Freundschaften in der neuen Heimat schließen. Allerdings geht das Erlernte nach dem Kurs leider oft wieder verloren, da die deutsche Sprache zu wenig im Alltag genutzt wird – hier appelliere ich an alle, die neu erworbene Zweisprachigkeit zu pflegen, um diese Kompetenzen zu bewahren und weiter auszubauen.

Hinzu kommt, dass insbesondere im letzten Jahr die Anmeldungen (trotz angenommen hohem Bedarf) für Integrationskurse zurückgegangen sind. Das ist sehr schade, denn nur wenn die Sprache des Landes in dem man lebt, beherrscht wird, kann man hier zu allen Menschen Kontakt aufnehmen, sich hier wohlfühlen und einbringen.

3.       Was gehört neben der deutschen Sprache noch zu einer erfolgreichen Integration der Migrantinnen und Migranten?

Gleichberechtigte Teilhabechancen in allen Lebensbereichen: Bildung, Arbeit, Wohnen usw. Hierzu gehört, dass Menschen mit Migrationshintergrund die gleichen Zugangsmöglichkeiten haben, aber auch, dass die Bevölkerung mit Migrationshintergrund gewillt ist, diese Chance zu nutzen und Verantwortung zu übernehmen. Herkunft darf und soll nicht über soziale Integration entscheiden – das ist das Ziel, das alle verfolgen sollten!

4.       Sie planen und führen verschiedene Projekte für Migrantinnen und Migranten durch, werden die von Migrantinnen und Migranten genug in Anspruch genommen? Sind Migrantenvereine ein zuverlässiger Partner?

Das ist ganz unterschiedlich: wenn man die Menschen ernst nimmt und Angebote macht, die ihren Bedürfnissen entsprechen, kommen die Menschen auch – das trifft sicherlich auf Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen zu. Häufig klappt das, manchmal auch nicht. Selbstverständlich könnten aus unserer Sicht immer mehr TeilnehmerInnen in unsere Projekte kommen, Sie sind also herzlich eingeladen!

Migrantenorganisationen sind wichtige Partner und Multiplikatoren in Ahlen. Wir freuen uns, hier überwiegend einen sehr guten und kooperativen Kontakt zu pflegen und voneinander zu lernen. Das kann bei manchmal unterschiedlicher Herangehensweise an Projekte sicherlich auch einmal Spannungen bedeuten, letztlich lohnt sich der Einsatz aber für alle Beteiligten.

5.       Was halten Sie von der interkulturellen Öffnung der Verwaltung für fachlich qualifizierte Migrantinnen und Migranten?

Knapp 20% der Gesamtbevölkerung in Deutschland – in Ahlen sogar knapp 30% – haben einen Migrationshintergrund. Die öffentliche Verwaltung sollte im Idealfall das Abbild der Gesellschaft darstellen. Nur durch Chancengleichheit wird der Zugang aller Bevölkerungsgruppen zur öffentlichen Verwaltung und dadurch auch der gesellschaftliche Zusammenhalt gewährleistet. Eine interkulturell ausgerichtete Verwaltung ist flexibler und kreativer bei der Aufgabenerledigung und zeigt mehr Bürgernähe.

Es liegt im eigenen Interesse der öffentlichen Verwaltung, sich interkulturell zu öffnen. Auch vor dem Hintergrund des demographischen Wandels wird es zunehmend wichtiger, sich in Konkurrenz zur freien Wirtschaft als attraktiver Arbeitgeber für alle Menschen, unabhängig von Nationalität, ethnischem Hintergrund oder Religion, zu präsentieren. Selbstverständlich müssen bei allen BewerberInnen die entsprechenden Qualifikationen auf formaler Ebene vorliegen – aber schließlich steigt auch der Anteil der Schulabgänger mit Migrationshintergrund, die sich um eine Ausbildung im öffentlichen Dienst bewerben könnten, stetig an. Zudem müssen Maßnahmen ergriffen werden, die die spezifische Kompetenzen wie z.B. Mehrsprachigkeit besser im Auswahlverfahren zur Geltung bringen und Seminare zur interkulturellen Sensibilität für alle Mitarbeiterinnen angeboten werden.

Die Stadt Ahlen hat die Bedeutung erkannt, setzt sich seit etwa einem Jahr sehr intensiv mit dem Thema auseinander, hat bereits einige Schritte eingeleitet und möchte der interkulturellen Öffnung noch mehr Bedeutung geben.

6.       Was bedeutet für Sie – ganz allgemein – soziale Integration von Menschen mit Migrationshintergrund?  

Grundsätzlich denke ich, dass in den letzten Jahren gerade auf politischer Ebene viel Positives passiert ist – begonnen mit der Anerkennung der Tatsache, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist. Jedoch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es noch viel zu tun gibt. Regionale und überregionale Studien zeigen, dass Kinder mit Migrationshintergrund immer noch schlechtere Bildungsabschlüsse erreichen als ihre gleichaltrigen Klassenkameraden, dass die Bevölkerung mit Zuwanderungsgeschichte überproportional häufig in prekären Arbeitsverhältnissen tätig ist, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung gemessen am gesellschaftlichen Leben beteiligt sind. Hierzu gehören Vereine ebenso wie öffentliche Arbeitgeber oder Gremien.

Trotz allem denke ich, dass wir auf einem guten Weg sind: die Statistiken weisen leichte Verbesserungen auf, neue gesetzliche Reglungen werden getroffen (z.B. das sogenannte Integrationsgesetz in NRW oder das neue Gesetz zur Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen) und man geht auch im Alltag vermehrt aufeinander zu. Vergessen werden darf aber nicht, das es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe im Interesse aller Menschen – mit und ohne Migrationshintergrund – ist, die Situation der Migranten in Deutschland zu verbessern.

Soziale Integration bedeutet für mich, dass Menschen erst mal als Menschen wahrgenommen werden. Das hört sich kitschig und fast schon selbstverständlich an, ist es jedoch nicht. Meist werden Menschen, die nicht zum direkten eigenen sozialen Umfeld gehören, an einem Merkmal festgemacht und das ist häufig eine vermeintliche Nationalität mit den damit einhergehenden Klischees. Soziale Integration ist dann erreicht, wenn bei einem Menschen seine Zuwanderungsgeschichte nur als eines von vielen möglichen Merkmalen wahrgenommen wird. Wenn er nicht als grundsätzlich „anders“ wahrgenommen wird und sich selbst auch nicht mehr als „anders“ von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzt. 

7.       Welche Aufgaben haben Menschen der Aufnahmegesellschaft bezüglich sozialer Integration der ZuwanderInnen und Zuwanderer in Deutschland?

Wie bereits erwähnt bin ich der Auffassung, dass die Aufgaben für ein gutes Zusammenleben auf Menschen mit UND ohne Migrationshintergrund gleichermaßen entfallen. Vielleicht ist hier besonders zu erwähnen, dass insbesondere die sogenannte „Mehrheitsgesellschaft“ sich mit der Angst vor dem Fremden auseinandersetzten sollte. Das heißt etwas bildlicher gesprochen: kennt man sein Gegenüber nicht, wird ihm eine angenommene Herkunft mit den damit zusammenhängenden – oft negativen Annahmen – übergestülpt; das muss sich ändern.

8.      Wie sieht Ihrer Einschätzung nach die Zukunft der MigrantInnen in Deutschland aus? 

Im Sinne des demographischen Wandels gilt auch für Ahlen: „weniger, älter, bunter“. Mit anderen Worten: Menschen mit Migrationshintergrund werden noch stärker als bisher das Bild unserer Städte prägen. Dies ist nicht nur als Herausforderung zu sehen, sondern vielmehr als eine sehr positive Chance. Wenn die Migranten sich einbringen und die Gesamtgesellschaft eine Anerkennungskultur entwickelt hat, werden wir alle profitieren. Hier kann ich das Buch von Mark Terkessidis, „Interkultur“, das sich sehr anschaulich damit auseinandersetzt, sehr empfehlen.

Vielen Dank!

 (Interview: Mehmet Tanli / Juli 2012)